Tobias Mültner, Nordheim

Bio-Farmer auf Rhöner Höhen
 
Auf den ersten Blick könnte man sich Tobias Mültner auch gut als Farmer auf einem großen Betrieb im Mittleren Westen der USA vorstellen. Zweckmäßig in Multifunktionskleidung und mit Mütze, deren Schild das Gesicht weit überragt. Im Rücken eine große Silobatterie, die mehrere hundert Tonnen Getreide fasst, vor ihm der Steuerungscomputer und in der Tasche ein Mobiltelefon, mit der er von überall aus genauso in die Funktionen der gesamten Anlage eingreifen kann. Doch der Landwirtschaftsmeister wohnt nicht in Nebraska, sondern in Nordheim, mitten in der bayerischen Rhön. Und er setzt auch nicht auf Soja nach Mais nach Weizen, sondern als Bio-Betrieb auf eine siebengliedrige Fruchtfolge im Ackerbau.
 
Von sich selbst sagt der 33-Jährige: „So überzeugt wie ich früher konventionell gewirtschaftet habe, so überzeugt bin ich heute von der Bio-Landwirtschaft.“ Früher, das ist mittlerweile mehr als sechs Jahre her, hat er bereitwillig Innovationen des konventionellen Feldbaus aufgegriffen und ausprobiert. Er hatte als einer der ersten in der Gegend eine gezogene Feldspritze, setzte auf Minimalbodenbearbeitung und verzichtete darauf, seine Äcker zu pflügen. Dass er auf Bio-Landwirtschaft umgestellt hat – und darin ähnelt er vielleicht doch amerikanischen Farmern –, lag zum einen an wirtschaftlichen Überlegungen. Die Getreidepreise waren im Keller, die Zuckerrüben waren längst nicht mehr so lukrativ wie in den 1990-er Jahren und die Chance gerade noch gegeben, ein staatliches Förderprogramm zu nutzen, um die Umstellungsphase wirtschaftlich abzufedern. Der zweite Impuls auf Bio umzusatteln, kam aus einer anderen Richtung. Gemeinsam mit sechs Landwirten hatte er die RhöBiNo gegründet, eine Gesellschaft für den Anbau und die Vermarktung von Holunder. Ein großer Abnehmer, ein namhafter Getränkehersteller, machte zur Bedingung, dass die Beeren biologisch angebaut werden müssten. Hier umzustellen und dort – im eigenen Betrieb – nicht, erschien Mültner inkonsequent, zumal er gleichzeitig als Geschäftsführer auch die RhöBiNo nach außen vertritt.
 
115 ha bewirtschaftet Mültner mit zeitweiser Unterstützung durch zwei Aushilfskräfte und gelegentlicher Mithilfe seines Vaters, der als selbstständiger Klauenpfleger unterwegs ist. Angebaut wird vor allem Getreide. Hinzu kommen Leguminosen wie zum Beispiel Klee, um über die Fruchtfolge Stickstoff in den Boden zu bekommen und zum Teil, um Saatgut zu erzeugen. Um sich in der Vermarktung des Getreides besser aufzustellen, hat er vor vier Jahren rund 400.000 Euro in die neue Siloanlage investiert. Den Schritt, den Absatz des Getreides an Handel, Mühlen oder andere Abnehmer gänzlich selbst in die Hand zu nehmen, will er allerdings nicht gehen. Mit einer Tochter seines Anbauverbands Naturland glaubt er einen verlässlichen Partner an seiner Seite zu haben. Den letzten Preisvorteil kann er damit nicht ausreizen. Aber ihm ist auch bewusst, dass er dazu viel mehr Zeit in die Marktbeobachtung aufwenden müsste, um rechtzeitig zu verkaufen, bevor die Preise nach unten gehen oder noch zu warten, bevor sie steigen, was in einem globalen Marktgeschehen durchaus innerhalb eines Tages der Fall sein kann. „Die Vermarktungsgesellschaft kann sich darum viel intensiver kümmern als ich. Ich setze meine Zeit lieber für andere Dinge ein, etwa für die Vermarktung unseres Holunders und den Ausbau der Marke ´Beerenfreunde´“, sagt er.
Hinzukommt eine andere Erkenntnis. Mültner reizt es, neue Betätigungsfelder aufzutun und zu entwickeln. Deswegen hat er auch seinen ursprünglichen Berufswunsch als KfZ-Mechaniker verlassen und ist in den Hof eingestiegen. Aber, so schränkt er ein: „Man verzettelt sich zu leicht, wenn man zu viel anpackt“. Schließlich will er sich nicht aufreiben, sondern als Unternehmer auch von dem Ertrag des Unternehmens leben. Und leben bedeutet für ihn, Zeit für die Familie zu haben, für seine beiden Söhne, auch einmal gemeinsam zu verreisen - oder sich einfach abends auf ein Bier zu den Feriengästen zu setzen. Da besteht auch nicht die Gefahr sich zu verzetteln, denn die Regie im Betriebszweig Urlaub auf dem Bauernhof, den bereits seine Mutter aufgebaut hat, führt heute seine Frau Daniela, die aus dem Tourismusbereich kommt.
 
Text: Detlef Steinert, dlz; Fotos: Ledényi


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